Montag, 17. Dezember 2007

WikiSpoogle: Wissen wir bald zuviel?

Jetzt also auch noch der Spiegel mit einem Wissensportal: im kommenden Frühjahr startet "Spiegel Wissen", ein Joint-Venture der Spiegel-Gruppe mit der Bertelsmann-Tochter Wissen Media Group. Letztere bringen immerhin ihre Lexika und Wörterbücher ein, erstere das komplette Spiegel-Archiv. Angereichert werden soll das ganze mit Inhalten aus der Wikipedia. Acht Redakteure sollen für Qualität sorgen und auch multimediale Elemente ergänzen.

Wirklich neu ist, dass Spiegel-Inhalte künftig kostenlos zur Verfügung stehen, nur die aktuelle Print-Ausgabe soll noch kostenpflichtig sein. Was für mich bedeutet, dass zumindest in diesem Punkt die Zeichen der Zeit erkannt wurden - ist doch davon auszugehen, dass für die Betreiber durch Werbung immer noch genug übrig bleibt. Auf den Aspekt freue ich mich.

Faszinierend ist, warum das Thema "Wissen" zur Zeit so gern genommen wird. Wir haben ja schon seit einigen Jahren einen massiven Trend, man kann geradezu von einem Hype sprechen. Im Fernsehen gibt es "Welt der Wunder", "Galileo" und "Wunderwelt Wissen", wem es noch nicht gereicht hat, darf sich die Wiederholung auf N24 anschauen. Bei den Printmedien gibt es kein Verlagshaus, das keine Wissens-Zeitschrift auf dem Markt hätte, teils sogar mit halbwegs anspruchsvollen Inhalten: FAZ, Süddeutsche, Zeit, alle sind dabei, sogar die gute alte PM erstrahlt wieder wie in alten Zeiten. Wissen in schöne Appetithäppchen geschnippelt für den wachsenden Markt der pisa-verunsicherten Verbraucher. Ich gehe davon aus, dass das neue Portal auch in diese Kerbe schlägt, mithin weniger als Bedrohung oder Konkurrenz zu Wikipedia oder Knols zu sehen sein dürfte.

Ich nenne das mal "Knowtainment". Leider wird man nicht satt von den Wissens-Schnittchen, gleichzeitig erfährt man aber durch den Bauchladen des Wissens, was man eben alles nicht weiß. So konsumiert man immer mehr, ohne je richtig satt zu werden, weil man sich sonst unterernährt, also dumm vorkommt. Das Paradoxe ist, dass man vom angesammelten, eigentlich unnützen Wissen immer fetter, aufgeblähter wird und gleichzeitig immer weniger in der Lage ist, Zusammenhänge zu erkennen. Ein Ausweg ist vielleicht, hin und wieder ein Thema zu vertiefen: intensive Recherche, auch mal ein Wissenschafts-Magazin (ja, da gibt es einen Unterschied!) zu lesen oder gar ein ganzes Buch von einem Experten. Das ist sicherlich nicht jedermann gegeben. Man kann aber auch Dinge einfach mal nicht wissen - sich einfach mal sagen: "Ich weiß ja, wo ich es nachschlagen kann". Das setzt natürlich andere Kulturfertigkeiten voraus, die wir in der Schule nie richtig gelernt haben: Recherchieren, Muster und Schemen erkennen, Transfer herstellen, Wissen vernetzen ... .Wir sind vermutlich mitten in dem oft kolportierten Umbruch: weg vom lexikalischen Wissen, hin zum Strukturwissen. Man könnte es auch Allgemeinbildung nennen.


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