Dienstag, 18. Dezember 2007

naive Gedanken zum Mindestlohn

So wie es aussieht, kann keiner der Experten abschätzen, welche Konsequenzen ein flächendeckender Mindestlohn hat. Das Geeiere der Springer-Tochter Pin gilt nicht: es hat sich wohl schon herumgesprochen, dass die aktuellen Probleme dort eher hausgemacht sind, insoweit sie es nicht sind, werden sie politisiert. Also: wie kann man es herausfinden? Selbst als Befürworter des sich selbst regulierenden Marktes muss man zugeben, dass etwas nicht stimmen kann mit dem System, wenn Menschen vom Lohn für eine Vollzeitstelle nicht leben können. Ganz nebenbei: diese Menschen sind auch Marktteilnehmer, wenn man also über zurückhaltenden Konsum klagt, mag die Ursache dafür auch darin begründet liegen, dass ein nennenswerter Teil der Bevölkerung einfach kein Geld hat.

Der Herr Sinn
Ich wundere mich in diesem Zusammenhang über einen Vorschlag von Herrn Sinn: der Staat soll solche Löhne "auffüllen", bis es zum Leben reicht (Kombilohn-Modell). Weil solche Leute nicht qualifiziert genug sind, um eine zureichende Wertschöpfung zu erarbeiten. Klingt in sich stimmig und von der Warte eines Wissenschaftlers aus ist es das wohl auch - der gute Mann hat das schließlich studiert und tut den ganzen Tag nichts anderes, als über solche Sachen nachzudenken. Aber irgendwie zäumt der Ansatz das Pferd von der falschen Seite her auf, zumindest gefühlt, wenn man soziale Marktwirtschaft als Gesellschaftsmodell begreift. Auch mit freier Marktwirtschaft hat er nicht viel zu tun (haben Sie das mit Ihren Freunden von der FDP abgesprochen, Herr Sinn?). Es kann natürlich sein, dass der Herr Sinn ein heimlicher Fan des bedingungslosen Grundeinkommens ist ... das wäre zumindest konsequent. Ich fürchte nur, die Menschen sind noch nicht ganz soweit: wir haben uns noch nicht genug gelangweilt, um freiwillig zu arbeiten.

Der Unternehmer
Wenn ich einen Businessplan für ein beliebiges Unternehmen schreibe (was ich vereinzelt schon getan habe), ist das Lohnniveau nur ein einziger Parameter von sehr, sehr vielen. Wenn es hoch ist, kann ich trotzdem Erfolg haben, wenn mein Wettbewerb träge ist (bzw. ich weniger träge als der Wettbewerb), der Geldbeutel meiner Kunden voll ist, meine Produkt toll sind und jeder sie haben mag, mein Marketing clever ist ... Viele dieser Aspekte habe ich als Unternehmer selber in der Hand. Wenn ich mir all dieser Parameter bewusst bin, mich an den Markt wage und "verliere" - ist es dann nicht unfair, dem Staat die Schuld zu geben? Oder umgekehrt: ist es nicht ein klein wenig moralisch verwerflich, von vorneherein mit einem Lohnnieveau zu kalkulieren, das unter Hartz IV liegt?

Warum eigentlich die Eile?
Freilich: mal schnell eben einen Mindestlohn einzuführen, der in einzelnen Branchen eine Verdoppelung der Lohnkosten bedeutet, kann die Lösung auch nicht sein. Aber wenn ein Unternehmen in einem Zeitraum von fünf oder vielleicht zehn Jahren nicht in der Lage ist, seine Businesspläne entsprechend zu justieren, versagt es eben kaufmännisch und hat den Verlust von Arbeitsplätzen selbst zu verantworten. Zumal die Regeln für alle gelten. Sorry, so funktioniert die soziale Marktwirtschaft, soweit ich sie verstanden habe.

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3 Kommentare:

  1. Ich stimme dir voll zu. Irgendwie verkommt es bei uns immer mehr zu einer "Die anderen sind Schuld" Gesellschaft, egal worum es geht - sei es zu geringer Lohn, sei es zu hoher Lohn, seien es zu hohe Steuern oder zu geringe Leistungen ... immer dieselbe Spirale. Da muss mal einer anfangen seine Verantwortung wahrzunehmen und nicht immer schreien "Wenn ich das machen muss und der andere nicht, dann will ich nicht weil das unfair ist!" Wir sind geboren um uns Herausforderungen zu stellen, also machen wir es doch so ... schliesslich sind diese Unternehmen auch jene, die stets sehr erfolgreich sind ;-)

    Gruß,
    Jens

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  2. Aaaalso:
    Freie Marktwirtschaft und soziale Marktwirtschaft sind zwei Paar Stiefel, deswegen ja auch zwei Namen dafür. Deutschland will eher die soziale Variante verfolgen, so dass der vollkommen freie Wettbewerb ohnehin eingeschränkt werden muss. (Nur Nebenbei bemerkt: die USA, gemeinhin das klassische Beispiel einer freien Marktwirtschaft, haben einen flächendeckenden Mindestlohn.)
    Die Einführung eines Mindestlohns ist eher der sozialen Komponente zuzurechnen, denn letztendlich verzerrt er einen Preis, nämlich den von, in der Regel niedrig qualifizierter, Arbeit. Das hat zur Folge, dass der Reservationslohn der Arbeiter, also das was man ihnen mindestens zahlen muss damit sie überhaupt arbeiten, steigt, also auch die billigsten Arbeiter teurer werden. Dies wiederum führt dazu, dass sich Angebot und Nachfrage nicht mehr treffen, denn das würde ja über den Preismechanismus passieren, und so gesamtwirtschaftlich nicht das Maximum erreicht wird. Ist das schlecht? Das kommt darauf an, was man optimieren möchte. Geht es ausschließlich um Unternehmensgewinne, dann ja, betrachtet man die Gesamtwohlfahrt des Staats dann nicht unbedingt: es kann sein, dass die Einführung eines Mindestlohns insgesamt mehr Nutzen bringt, nur eben anders verteilt: da weniger Arbeiter nachgefragt werden, gibt es mehr Arbeitslose. Da die arbeitende Bevölkerung jetzt aber gesichert über einem bestimmten Level verdient, kann es im Endergebnis günstiger sein den zusätzlichen Arbeitslosen Hilfen zu zahlen, als vorher den ohnehin Arbeitslosen und den zu gering bezahlten Arbeitenden. Deswegen lässt sich im Vorhinein auch so schlecht sagen, was genau passieren wird.
    Man merkt, dass ich Ferien habe.

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  3. Zwischen freier und sozialer Marktwirtschaft habe ich sehr bewusst unterschieden, vielleicht wird klarer, was ich meine, wenn ich die Attibute kursiv stelle.

    Ansonsten gebe ich Dir schon Recht, wenn ich als Betriebswirt denke, muss ich gegen einen Mindestlohn sein - meine Aufgabe ist es, jeden Kosten- und sonstigen Vorteil zu nutzen, den ich bekommen kann. Als Volkswirt - das musst Du wissen ;)

    Ansonsten: ich halte das Preisfindungsmodell von Angebot und Nachfrage für ein wenig vereinfacht. In unserer globalisierten Welt (hach, was für ein toller Ausdruck ...) u.a. folgende Aspekte massive Auswirkungen auf Preise:
    * Handelspolitik (Zölle, Abkommen, Blockaden ...)
    * Marktbesonderheiten (Regulierung ehemaliger Monopolisten, Ausschreibungs- und Bieterwettkämpfe ...)
    * Direkte oder indirekte staatliche Einflußnahme (z.B. Airbus/Boing)
    * und so weiter.

    Zu guter letzt muss man sich halt auch fragen, ob manche Produkte und Leistungen wirklich so billig sein dürfen, wie sie angeboten werden. Wir hatten das schon - Stichwort Bohrmaschine :) So ist aus meiner Sicht fast alles, was mit Mobilität zu tun hat deutlich zu billig. Gesamtwirtschaftlich und nachhaltig berechnet müsste der Liter Benzin wohl mindestens fünf Euro kosten.

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