Mein erster Reflex war ja, das Ding in Bausch und Bogen zu verdammen, weil damit nun auch der letzte Depp geile Fotos machen kann.
Aber das war halt ein Reflex.
Tatsächlich hat mich das aber zum Nachdenken gebracht: wie war das, damals, als der Autofokus eingeführt wurde? Oder vorher die Belichtungsmessung? Oder nachher die Nachbearbeitung am PC? Jedesmal kamen die Unkenrufe, speziell aus der Ecke der ambitionerten Gearheads. Der Untergang des Abendlandes, zumindest jeglicher Kreativität wurde beschworen, das Gesummse gipfelte in der Regel mit dem unausweichlichen: "... da fehlt nur noch die Motivklingel!"
Während Profis die sinnvollen Neuerungen in der Regel schnell adaptierten ("hey, das sind Werkzeuge, gute Werkzeuge sind besser als weniger gute"), dauerte es bei den Amateuren halt ein paar Jahre, bis sie sich den Krempel leisten konnten - über kurz oder lang siegte das "Haben-Müssen" und somit der Lockruf des Statussymbols (wer hört schon gerne dieses gönnerhafte "ach, du hast noch die alte K1000FlexDynacoromatic?! Hatte ich auch mal, war eine tolle Kamera ...").
Dann kam die - ich nenne es mal so - die postphysische Ära. Was erst wieder nur den Profis mit Photoshop und viel Know-How möglich war, steht nun auf Knopfdruck in idiotensicheren Programmen zur Verfügung: und so werden wir überschwemmt mit perfekt scharfen, bunten, hochaufgelösten Bildern, HDR, Tilt-Shift-Gedöns ... während der gute Ansel Adams zwei mittlere Doktorarbeiten schreiben musste, um zu perfekten Bildern zu kommen, klickt Peterchen einfach ein bisserl im Picasa herum und hat ein fast genauso gutes Ergebnis ("Bazinga!"). Führte das zu einer Inflation wirklich guter Fotos? Ich wage mal die Behauptung: nein.
Fassen wir kurz zusammen:
* es gibt mehr Fotos, weil mehr Menschen mehr fotografieren
* die Fotos sind mechanisch-qualitativ hochwertiger
* die echt guten Fotos sind indes nicht
viel mehr geworden
Jetzt kommt halt noch die Möglichkeit dazu, diese tollen Schärfe-Unschärfe-Kontraste auch Leuten zu ermöglichen, die sich bislang kein 85 mm mit 1,8 Anfangsblende leisten konnten oder wollten. Oder vielleicht gar nicht wussten, warum ein Foto stark gewirkt hat. Nach meiner vorher aufgestellten Theorie führt das
alleine jedenfalls nicht zu viel mehr guten Fotos.
Ich knipse jetzt schon jahrzehntelang mit "anspruchsvollem" Werkzeug, also mit Kameras, wo man zur Not alles manuell einstellen kann.
Wirklich genutzt habe ich es indes nie. Jahrelang knipse ich jetzt digital - die RAWs habe ich indes nur ganz am Anfang genutzt. Jetzt laufen sie halt mit, damit sie im Notfall zur Verfügung stehen - und verstopfen Speicherkarten. Andersherum: wenn ich den ganzen Krempel immer ausgenutzt und
gereizt hätte, wären meine Fotos vielleicht 10 15 % besser geworden. Und das reißt bei einem durchschnittlichen Foto nichts heraus. Gar nichts.
Ein gutes Foto indes ist immer noch gut, wenn man die 10 - 15 % Qualität abzieht. Wenn man das jetzt noch zu Ende denkt: vergiss Blende, vergiss Graukarten, vergiss Dynamikkurven: mach das Foto. Ich jedenfalls erwische mich immer öfter, dass ich mit meinem Smartphone fotografiere, obwohl meine G9 mit RAW, Zoom und Blendeneinstellmöglichkeit nur einen Handgriff weg in der Tasche steckt - weil mir die Idee wichtig ist und nicht technische Perfektion.
Und das konsequenteste Werkzeug dafür wäre in der Tat eine Kamera wie die Lytro. Wenn die Haptik stimmt, könnte ich durchaus in Versuchung geraten. Bin gespannt, ob ich mich traue, den ganzen
anderen Krempel dann zu verkaufen ...
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