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Sep 4, 2004
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Tessier-Ashpool
Heute hat mich @jensbest auf Twitter an die Tessier-Ashpool erinnert, eine Familie von Tycoons im Herzen des Plots von William Gibsons "Neuromancer". Der Minidialog entspann sich um die Frage, ob die T-As als Kunstsammler des Investorentyps oder doch eher als klassische Mäzene angelegt gewesen seien. Beim Nachlesen fiel auf, dass Gibson auch in Bezug auf die Non-Bösewichte seiner ersten Romantrilogie eine bemerkenswerte Hellsichtigkeit an den Tag gelegt hat. Denn Neuromancer und die beiden Nachfolgebände sind Bücher über Strategien der Unsterblichkeit in der Immanenz, die dem Leser wiederum viel über die Logik der heraufziehenden nachbürgerlichen Gesellschaft verraten.
Mit dem Clan der Tessier-Ashpool hat Gibson finale Über-Großbürger erschaffen, die ihre Machtbasis in Ableitung der Biostrategien des von ihren Vorfahren überwundenen Adels durch Klonen ihrer Kinder ausbauen wollen. Dies wiederum ist ein verzweifelter Versuch, die Anforderungen eines weltweit agierenden Konzernmultis mit den Methoden eines patriarchal geführten Familienunternehmens in den Griff zu bekommen. Die Klone werden eingefroren und sollen in Zukunft im Dienst an der Unternehmensspitze rotieren, unterstützt von quasi-autonomen Künstlichen Intelligenzen.
Die Tessier-Ashpool scheitern mit ihrem Vorhaben, das sich auch diegetisch, also in der Welt des Romans selbst, unrealistisch, ja wahnwitzig ausnimmt. Anders als Gibsons Cyberpunk-Helden Molly und Case, die sich mit ihren Artefakten herumschlagen müssen, haben die dynastisch organisierten Bürger tatsächlich No Future. Ihre Art zu denken und zu wirtschaften ist am Ende.
Gibsons Extrapolation erweist sich auch in der Post-Crash-Realität der 2010er-Jahre als überraschend stabil. Statt selbständiger Kaufleute, Techniker, Anwälte oder Ärzte regieren Sociétés Anonymes - die Tessier-Ashpool hatten sich ihrerseits bereits in einer Familien-AG inkorporiert und disloziert. Die ökonomische Basis des Bürgertums ist an Großkonzerne übergegangen, deren Führungsschicht nicht patriarchal-dynastischen sondern bürokratisch-vulgärkybernetischen Prinzipien folgt. Statt Vertrauen und mafiotischen Abhängigkeitsverhältnissen regieren Kontrollsysteme, die das Menscheln immer tiefer in die Illegalität und in Gesetzeslücken drängen, welche dann erneut von Kontrollfeedbackschleifen dürftig zugenäht werden.
Wie die derzeit laufende Debatte über das Urheberrecht zeigt, ist unter den Bedingungen der neuen Wissensökonomie im Netz auch die geistige Produktionsweise des Bürgertums fundamental in Frage gestellt. Statt der klassischen Rückbindung von Werken an den Autor fordert die Leitlogik der Informationstechnik geschmeidig rekombinierbare Medienobjekte, also Content-Container statt monolithischer Inhalte. Ein Text wird wie ein Stück Code behandelt und lizenziert.
Ein Bürger des 20. Jahrhunderts durfte sich noch einbilden, weitgehend autonom wirtschaften und denken zu können. Aber schon ab den 1980er Jahren galt dieses Privileg nur noch für wenige echte Großbürger in den Industriestaaten westlicher Prägung. Heute lebt diese Haltung noch als Karikatur in Ayn-Rand-Verfilmungen und in der Tea Party weiter. Mit dem Aufstieg des Netzes setzt sich eine konnektionistische Produktionsweise durch, in der die Verbindungen wichtiger sind als die einzelnen Knotenpunkte. Wirtschaftlich bildet sich dieses Faktum in deutlichster Weise in den Quartalszahlen von Google ab, einem Konzern, dessen Erfolg sich in der Bewertung von Links gründet, die zu allem Überfluss nicht stabil bleiben, sondern schnell wechselnd neue Strukturen bilden. Das schwächt die Position der bürgerlichen Tessier-Ashpool-Monade und ihrer am besten durch Blutsbande gefestigten Macht- und Handelsstruktur.
Der Self-Made Man wird durch den Net-Made Man abgelöst. Prototypen dafür sind Mark Zuckerberg und die anderen erfolgreichen Gründer von Netzdiensten, die ihre Relevanz und damit auch ihren Wert nicht aus sich selbst heraus schöpfen können, wie die großbürgerliche Fabrik oder die Raumstation der Tessier-Ashpool, sondern ständig von ihren Usern darin bestätigt werden müssen. In einer solchen Situation ist an dynastischen Machterhalt als Projektion des Selbst in die Zukunft nicht mehr zu denken. Sogar Bill Gates, vielleicht einer der letzten Großbürger, hat keine Erbfolge eingerichtet.
Die einen werden es gut finden, dass die erstickende Biomacht der Clanzusammenhänge schwindet. Die anderen vermissen die auf implizite Regeln, Vertrauen und eine gewisse Berechenbarkeit gegründeten Wirtschaftsprozesse und die im Bösen wie im Guten flexibel gemachte Moral. Sicher ist, dass das von Gibson überspitzt gezeichnete Tessier-Ashpool-Syndrom eng mit der Krise der bürgerlich geprägten Nationalstaaten zusammenhängt. Wenn die - manchmal brutalen - impliziten Regeln aus Sicht der herrschenden Schicht noch funktionieren würden, dann bräuchte sie keine grotesken externalisierten Kontrollmechanismen wie die Vorratsdatenspeicherung von Telekom-Verbindungsdaten, die der bürgerlichen Verfassung widersprechen.
Andererseits hat der bürgerliche Habitus schon mehrere heftige Angriffe überstanden, beispielsweise seine eigene Selbstaufgabe im deutschen Nationalsozialismus. Bereits in den frühen 1990er-Jahren haben Michael und Ronda Hauben den Begriff des Netizen für Menschen geprägt, die sich dafür einsetzen, dass universell einsetzbare elektronische Netzwerke einen Raum der individuellen Entfaltung bieten. Viele dieser Citoyens engagieren sich heute in der Piratenpartei und auch anderen Parteien und zivilgesellschaftlichen Organisationen, und zwar in einem Maß, das auch optimistische gut informierte Beobachter vor fünf Jahren nicht für vorstellbar gehalten hätten. Vielleicht sterben im Verlauf dieser Läuterung die letzten Überreste ursprünglich adligen Verhaltens ab, die im Großbürgertum noch weiter gepflegt worden sind.
Interessant wird, welche Strategien die Netizens nun für ihre eigenen Projektionen in die Zukunft entwickeln. Aus diesen nämlich wird, über die bloße Sorge um den dynastischen Nachwuchs hinaus, eine neue Form der Verantwortung entstehen, die neue Verfassung der Netzwerkgesellschaft.
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